Volker Oppitz
„Man muss sich permanent beweisen“
Er hat mit sechs Jahren bei der SG Dynamo Dresden mit dem Fußballspielen begonnen. Nach über 200 Einsätzen und zwei Aufstiegen mit der SG Dynamo Dresden beendete er im Sommer 2010 nach 26 Jahren bei Dynamo seine aktive Karriere als Fußball-Profi. Noch als Aktiver hat er studiert und auch promoviert. Nach dem Karriereende wechselte er vom Fußballfeld direkt in die Chefetage seines Heimatvereins. Seit dem 10. Juni 2010 ist er einer der jüngsten Manager im Fußballgeschäft: Volker Oppitz.
Der Dynamo-KREISEL begleitete Dynamos Hauptgeschäftsführer einen Arbeitstag lang und sprach mit ihm über seinen neuen Arbeitsplatz, sein Verhältnis zu Matthias Maucksch, seine Erinnerungen an die Zeit als Dynamo-Profi, über Freunde im Fußballgeschäft und warum das neue Rudolf-Harbig-Stadion Segen und Fluch für die SG Dynamo Dresden zugleich ist.
Volker Oppitz, du wurdest im Januar von Matthias Maucksch als Spieler bei Dynamo aussortiert. Mittlerweile haben sich die Rollen geändert: Du bist als Geschäftsführer zu seinem Chef geworden. Gestaltet sich die Zusammenarbeit nach der Vorgeschichte eigentlich schwierig?
Wir haben damit keine Probleme – wir sind beide professionell genug, um damit umzugehen.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit Matthias Maucksch denn konkret aus?
Er hat im sportlichen Bereich die Hauptverantwortung, weil er der Cheftrainer der 1. Mannschaft ist. Ansonsten bringt es meine Stellung mit sich, dass ich als Hauptgeschäftsführer den Verein nach innen und außen verantwortungsbewusst vertreten muss. Da ist es normal, dass bestimmte Entscheidungen in letzter Instanz von mir getroffen werden müssen. Das betrifft natürlich auch Spielerverpflichtungen. Diese Entscheidungen werden gemeinsam mit dem kompletten sportlichen Bereich, zu dem neben Matthias Maucksch auch die Co-Trainer und unsere Scouting-Abteilung gehören, und mir vorbereitet. Nachdem wir uns auf sportlicher Ebene eine gemeinsame Meinung gebildet haben, kann ich unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Verhandlungen führen.
Sehnst du dich manchmal noch nach deiner Zeit als Profi-Fußballer zurück?
Mittlerweile nicht mehr. Ich habe den aktiven Fußball abgehakt. Es war eine schöne Zeit, aber sie ist nun vorbei. Es war für mich in der vergangenen Saison schon absehbar, dass meine Zeit als Profi ablaufen würde. Ich hätte maximal noch diese Spielzeit auf dem Rasen gestanden, daher ist mir der Abschied nicht so schwer gefallen. Aber klar: Ich vermisse die tägliche sportliche Ausarbeitung und Betätigung, es stört mich manchmal schon, dass ich jetzt den ganzen Tag an meinem Schreibtisch sitzen muss und einem regelmäßigen Training leider nicht mehr nachkommen kann. Aber das bringt dieser Job nun mal mit sich.
Wie würdest du deine Arbeit als Hauptgeschäftsführer von Dynamo beschreiben?
Es ist eine sehr verantwortungsvolle, arbeitsintensive und abwechslungsreiche Arbeit, die mir riesigen Spaß macht - ich kann mir im Moment keinen besseren Job vorstellen. Ich trage Verantwortung für den Verein und seine Entwicklung und natürlich auch für die Mitarbeiter. Ich habe viel mit Menschen zu tun, sammle wichtige Erfahrungen und lerne täglich hinzu. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich diese verantwortungsvolle Position bei meinem Heimatverein ausfüllen darf.
Wie beurteilst du die Arbeit auf der Geschäftsstelle?
Ich habe eine gut funktionierende Mannschaft vorgefunden. Das Schöne ist: Wir sind ein kleines und junges Team, das sehr gut harmoniert. Es gibt keinen hier, der diese Arbeit für den Verein nicht auch aus Überzeugung macht. Meine Mitarbeiter schauen nicht auf die Uhr, wenn es um einen pünktlichen Feierabend geht, es ist bei allen einfach eine große Portion Leidenschaft und Herzblut bei ihrer Arbeit für ihren Verein dabei.
Wie würdest du deinen Führungsstil beschreiben?
Ich stehe für einen offenen, ehrlichen und geradlinigen Umgang. Ich möchte, dass Probleme angesprochen und Konflikte direkt geklärt werden. Es bringt niemandem etwas und auch der Sache nichts, wenn hinter dem Rücken schlecht über jemanden gesprochen wird. Wenn mir etwas missfällt, spreche ich das offen an. Genauso erwarte ich auch von anderen, dass sie zu mir kommen, wenn ihnen etwas nicht passt.
Wie sieht deine erste Zwischenbilanz als Geschäftsführer aus?
Ich habe erst einmal einige Zeit gebraucht, um mich gründlich einzuarbeiten. Es ist in der Vergangenheit ein sehr komplexes Gebilde um Dynamo herum geschaffen worden, welches aus vielen Partnern besteht, mit denen man zusammenarbeiten und auf die man bei bestimmten Entscheidungen Rücksicht nehmen muss. Das zu durchschauen und sich in die wesentlichen Verträge reinzudenken, hat am Anfang meiner Tätigkeit als Geschäftsführer viel Zeit in Anspruch genommen. Mir war diese akribische und gewissenhafte Einarbeitungszeit sehr wichtig, um für die zukünftigen Entscheidungen vorbereitet zu sein und Strategien entwickeln zu können, die Dynamo voranbringen.
Welche konkreten Probleme siehst du in diesem komplexen Gebilde?
Das Hauptproblem des Vereins sind aktuell die Nutzungsverträge für das Rudolf-Harbig-Stadion. Da gibt es eine Vertragskonstruktion, die sehr schwer zu durchschauen ist und Interpretationsspielraum lässt. Ich habe viele Stunden gebraucht, um mich da hineinzudenken. Inzwischen haben wir von verschiedenen Wirtschaftsprüfern unterschiedliche Auslegungsvarianten der Verträge aufgezeigt bekommen. Das macht die Sache nicht leichter und erschwert die Verhandlungen. Eins ist klar: Die Verträge beeinträchtigen die Zukunftsfähigkeit von Dynamo stark.. Dazu kommen noch gravierende Altlasten des Vereins. Da denke ich in erster Linie an die Kölmel-Verträge.
Kannst du noch mal erklären, warum die Nutzungsverträge zum Nachteil von Dynamo sind?
Man muss konstatieren, dass der Verein durch diese Verträge geknebelt ist. Die in diesen Verträgen festgesetzten Bedingungen sind für den Verein unter keinen Umständen zu leisten. Die Vertragskonstruktion war von vornherein zum Scheitern verurteilt! Sie beraubt Dynamo de facto seiner wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit. Die Verträge basieren auf einer Ausschreibung, während derer allen Bewerbern der Kontakt zu Dynamo verboten war. HBM beendete die Ausschreibung als Drittplatzierter. Welche Intension man damals hatte, sich trotzdem für HBM zu entscheiden, kann ich nicht beurteilen. Anschließend wurde der Baukonzessionsvertrag zwischen HBM, der Stadt Dresden und dem jetzigen Betreiber des Stadions, der Projektgesellschaft, geschlossen. Ihr wurden sämtliche „stadiongeborenen“ Rechte, also Vermarktungsmöglichkeiten wie Banden, Anzeigetafel, Catering, Business-Seats und Logen, zugesprochen. Nach meinem Wissen wurde Dynamo als der Hauptnutzer, der auch den Hauptteil der Miete erwirtschaften sollte, in die entscheidenden Gespräche überhaupt nicht einbezogen. Somit konnte der Verein als zukünftiger Hauptmieter auch nie darlegen, welche Mietzahlung für das neue Stadion überhaupt möglich ist.
Ist das der einzige Fehler im System?
Es gibt viele. Ein weiteres Beispiel: Die Verträge basieren auf einem Businessplan vom Bauherren HBM, in welchem Betriebskosten für das Stadion in Höhe von 1,4 Mio. Euro pro Jahr angegeben wurden. Was ich wirklich beachtlich finde, ist, dass die Betriebskosten nach nur einem Jahr Stadionbetrieb von der Projektgesellschaft mit 2,7 Mio. Euro jährlich beziffert werden. Das ist eine enorme Abweichung der angenommenen Kosten um 90 Prozent nach oben! Da stellt sich mir logischerweise die Frage, wie so etwas passieren konnte.
Trotzdem sind die Verträge unterschreiben worden.
Nach meinem heutigen Kenntnisstand hätte man sie so wohl nie unterschreiben dürfen. Der Verein wird durch diese Verträge in seiner Zukunftsfähigkeit beschnitten. Aber ich persönlich war in diesen Prozess nicht involviert. Darüber hinaus kann ich auch nicht beurteilen, welcher Druck auf den handelnden Personen lastete und zur Vertragsunterzeichnung führte.
Mit welchem Ziel verhandelt der Verein heute?
Es ist klar, dass die Neuverhandlung der Stadionverträge essentiell für den Verein ist. Für mich als Geschäftsführer ist es enorm wichtig, für den Verein eine langfristige, tragfähige und faire Lösung zu erreichen. Ziel muss es sein, dass uns im Endergebnis die Möglichkeit gegeben wird, konkurrenzfähig zu sein. Das ist die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft des Vereins.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Es muss schnellstmöglich ein einfacheres Vertragsverhältnis zwischen den beteiligten Parteien erarbeitet werden. Dynamo kann nur eine markgerechte Miete, vergleichbar mit anderen deutschen Vereinen mit einem modernen Stadion, zahlen. Eine Alternative dazu gibt es nicht.
Was bedeutet „marktgerecht“?
Ein gutes Beispiel sind Hertha BSC und die Stadt Berlin. Der Verein spielt im Olympiastadion, welches zu den modernsten Stadien Europas gehört und in dem im Jahre 2006 das WM-Finale ausgetragen wurde. Es hat 76.000 Plätze und bietet darüber hinaus weit mehr Logen, VIP- und Business-Seats als unser Stadion. Die Baukosten betrugen sogar mehr als das Fünffache des Rudolf-Harbig-Stadions! Trotzdem bezahlt Hertha BSC in der 2. Liga laut Vertrag nur 2,5 Mio. Euro Miete. Dynamo müsste für das Rudolf-Harbig-Stadion in der 2. Liga im Vergleich ca. 3,6 Mio. Euro zahlen! Und selbst in der 3. Liga müssten wir laut Vertrag immerhin noch 2,4 Mio. Euro entrichten! Da kann sich jeder selbst beantworten, ob das ein angemessenes Verhältnis ist und ob die hiesigen Verträge ausgewogen und fair sind. Fakt ist: Die SG Dynamo Dresden kann mit diesen Zahlungspflichten im deutschen Profifußball definitiv nicht überleben.
Wie laufen die Gespräche mit der Stadt?
Wir haben unsere Sicht deutlich gemacht: Nicht der Verein, der mittlerweile sehr vernünftig und sparsam wirtschaftet, ist das Problem, sondern das Stadion und seine Nutzungsbedingungen. Wir halten 500.000 Euro für eine faire und marktgerechte Miete. Der Durchschnitt der Stadionmiete aller Drittliga-Vereine liegt momentan bei etwa 160.000 Euro. Dabei ist uns natürlich bewusst, dass wir ein in dieser Liga herausragendes Stadion haben. Es sitzen bei allen Verhandlungen stets drei Parteien am Tisch, Dynamo, die Stadt und die Projektgesellschaft, welche unterschiedliche Interessen verfolgen. Momentan ist relativ wenig Vorankommen erkennbar. Wir haben eine Strategie entwickelt, die wir in den kommenden Wochen gegenüber den Vertretern des Stadtrates präsentieren werden, um die Sicht des Vereins darzustellen und das Ziel einer fairen Miete zu erreichen. Uns ist bewusst, dass dieses Thema über die Zukunft des Vereins entscheidet. Deshalb investieren wir, als Team der Geschäftsstelle gemeinsam mit dem Aufsichtsrat, in diese Aufgabe einen erheblichen Anteil unserer Zeit und Energie.
Was wäre, wenn sich nichts an der Vertragssituation ändert?
Sollte der Stadtrat gegen einen langfristigen Zuschuss zum Stadionbetrieb stimmen, würden dem Verein in der nächsten Saison ca. 1,7 Mio. Euro fehlen. Diesen Betrag müssten wir gegenüber dem aktuellen Wirtschaftsplan einsparen um die Lizenz vom Deutschen Fußball-Bund zu erhalten. Man könnte einen Teil des Volumens im Nachwuchsbereich auffangen, was aber von niemandem gewollt ist: Die Nachwuchsausbildung ist die wichtigste Basis für sportlichen Erfolg eines jeden Fußball-Vereins. Eine andere Möglichkeit wäre, diese Summe beim Etat der ersten Mannschaft einzusparen. Dann hätten wir weit weniger als die Hälfte des diesjährigen Budgets für die 1. Mannschaft zur Verfügung. Was das sportlich bedeutet, kann sich jeder denken. Der Verein würde nur noch um das sportliche Überleben kämpfen können und irgendwann sicher absteigen. Als Konsequenz würde der Verein nur noch eine sehr viel geringere Miete zahlen können und mittelfristig in die Insolvenz schlittern. In Dresden gäbe es auf lange Sicht keinen anderen Verein, der dieses Stadion unter den jetzigen Bedingungen bespielen könnte. Wenn es Dynamo nicht kann, wird es in der Stadt auch kein anderer können. Das Stadion müsste dann vollständig von der Stadt betrieben und bezahlt werden, die Kosten für die Landeshauptstadt blieben also definitiv bestehen und der Steuerzahler müsste die Betriebskosten für ein ungenutztes Stadion in voller Höhe bezahlen. Daran kann keiner Interesse haben.
Als Fußballer steht man Woche für Woche im Fokus der Öffentlichkeit, fühlst du in deiner Arbeit als Geschäftsführer und angesichts dieser schwierigen auch Leistungsdruck?
Der Druck ist ein anderer. Als Fußballer ist in jedem Spiel Leistung gefragt. Man muss auf den Punkt vorbereitet und zum Anpfiff topfit sein. Als Geschäftsführer ist man tagtäglich gefordert und muss sich permanent beweisen, Druck ist also jeden Tag ein Begleiter. Man arbeitet immer auf irgendwelche Entscheidungen hin. Hinzu kommen neben der längerfristigen Verantwortung für die sportliche und wirtschaftliche Entwicklung des Vereins auch noch die Verantwortung für die Mitarbeiter und die Nachwuchsspieler. Klar gibt es auch Phasen, in denen es ruhiger zugeht. Aber man hat natürlich immer im Hinterkopf, welche wichtige Aufgaben für Dynamo anstehen.
In deinem Büro hängen Bilder und Trikots deiner aktiven Zeit, welcher Erinnerungen hast du an deine Zeit als Aktiver bei der SGD?
Die besten Jahre waren im Nachhinein auch die erfolgreichsten. Das war die Ära von Christoph Franke, der eine Mannschaft zusammengestellt hat, deren Großteil über mehrere Jahre zusammengeblieben ist. Das Erfolgsrezept war dieser harte Kern, der auch neben dem Fußballplatz eine Menge miteinander unternommen hat. Wir hatten ein gutes Klima innerhalb der Mannschaft und es herrschte ein starker Zusammenhalt. Ich erinnere mich gern an die beiden Aufstiege bis in die 2. Bundesliga und die anschließenden Aufstiegsfeiern. Als uns 30.000 Menschen auf dem Altmarkt zujubelten und uns viele tausend Fans zu den entscheiden Spielen begleitet haben. Es hat eine Menge Spaß gemacht, ein Teil dieser Mannschaft zu sein. Nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz. Weil wir wie eine große Familie waren, allesamt mit dem Herzen dabei. Ich bin einfach richtig froh, dass ich das alles mitmachen durfte! Denn das war zu Beginn meiner Karriere so nicht absehbar.
Hast du noch engeren Kontakt zu den Kollegen von damals?
Ja, beispielsweise zu Thomas Neubert, Daniel Petrowsky und natürlich Maik Wagefeld ist der Kontakt nie abgebrochen. Uns verbindet mehr als die sportlich erfolgreiche Zeit.
Schaffst du es nebenbei, wie es sich für einen ehemaligen Leistungssportler eigentlich gehört, abzutrainieren?
Ein geregeltes Abtrainieren ist in meiner Funktion als Geschäftsführer leider einfach nicht möglich. Ich versuche, so oft es geht, von zuhause ins Büro oder nach Hause zu joggen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Oder wenn die Zeit es zulässt, gehe ich in der Mittagspause ins Fitnessstudio, das sich glücklicherweise zwei Stockwerke über der Geschäftsstelle befindet – komme aber leider momentan viel zu selten dazu.
Wie geht deine Frau mit euren beiden Kindern damit um, dass du jetzt noch seltener zu Hause bist?
Das ist der große Nachteil, den dieser Job mit sich bringt. Als Fußballer hat man natürlich mehr Freizeit, aber auch eine ganz andere nervliche Belastung. Die Umstellung für meine Familie und mich ist sehr groß. Die zeitliche Beanspruchung durch meine neue Tätigkeit ist viel größer. Meine Frau hat aber Verständnis dafür. Uns ist beiden klar, dass dieser Job als Geschäftsführer Entbehrungen mit sich bringt. Trotzdem achten wir darauf, dass ich mir auch mal einen Sonntag für die Familie frei nehme. Ich will meine beiden Kinder aufwachsen sehen und nicht in 20 Jahren dastehen und merken, dass ich davon eigentlich gar nichts mitbekommen habe.
Danke für das Gespräch!
Interview: Henry Buschmann